Kreativer Aufbruch

Textiler Ausdruck mit poetischem Hintergrund. Manolya Konuk, Paris, erhielt mit diesem Schmuckkunstwerk das Auslandsstipendium des RRH-Wettbewerbs.
Gemeinhin steht die Goldstadt Pforzheim nicht für Schmuckkunst, vielmehr für eine weitgehend gesichtslose Schmuckindustrie, die seit Jahren auf Talfahrt ist. Nur wenige Firmen konnten sich dem Verfallsprozess entziehen, der Ende der 1980er Jahre einsetzte. Doch gibt es auch anspruchsvolle Schmuckkunst und Design in Pforzheim. Im Schmuckmuseum sowie in neu gegründeten Ateliers ehemaliger Studenten der Goldschmiedeschule und der Hochschule Pforzheim mit ihrer weltbekannten Schmuckklasse. Auch einige wenige modern orientierte Manufakturen wie IsabelleFa, Jörg Heinz und Gellner haben den Übergang von der konventionellen Schmuckfabrik zu innovativen Unternehmen geschafft.
Alle profitieren von der gewachsenen Infrastruktur für die Schmuckfertigung in Pforzheim. Für das Publikum gibt es seit kurzem auch eine moderne Schmuckgalerie in den „Schmuckwelten“. Dort stellen über 80 kreative Schmuckdesigner und -künstler, die meisten Nachwuchstalente aus der Region, ihre Arbeiten aus. Ansonsten ist das größte und sicher einzige Schmuckkaufhaus Deutschlands noch keine Vorzeigeadresse. Vor allem fehlt ein durchgängiges Kulturkonzept, das in die Zukunft weist.

Dr. Ruth Reisert-Hafner übergibt den 1. Preis an Manolya Konuk. Dr. Christiane Weber-Stöber, links, Sung-Ho Cho, Jasmina Schröder und Stephanie Fleck.
Umso bemerkenswerter sind die Aktivitäten von Dr. Ruth Reisert-Hafner, der Seniorchefin der traditionsreichen Gold- und Silberscheideanstalt C. Hafner. Voller Esprit hält sie die Fahne der Schmuckkunst in der Goldstadt hoch. Zum 5. Mal wurde am 26. Juni 2009 ihr RRH-Stipendium verliehen – wie gewohnt zwischen Walzen, Stanzen und Ziehsteinen in den Produktionsräumen. 79 Teilnehmer von Akademien in Deutschland sowie der „Ecole supérieure des arts décoratifs de Strasbourg“ reichten jeweils drei Arbeiten zu dem Wettbewerb ein. Die hochkarätige Jury war besetzt mit der Galeristin Isabella Hund, München, dem Schmuckgestalter, Claude Schmitz, Luxemburg, der Galeristin und Kunstexpertin Dr. Ellen Maurer Zilioli, München und Brescia, Manon van Kouswijk, Professorin an der Gerrit Rietveld Akademie, Amsterdam, sowie Felix Flury, Schmuckgestalter und Galerist aus Solothurn.

„Hochkarätige“ Jury: Dr. Ellen Maurer Zilioli, links, Isabella Hund, Manon von Kouswijk, Dr. Christiane Weber-Stöber, Claude Schmitz und Felix Flury.
Manolya Konuk, Paris, Studentin der „Ecole supérieure des arts décoratifs“, Straßburg, gewann das Ausland-Stipendium. Sie wird sich an der Escola Massana, Centre d’Art i Disseny, Barcelona, weiterbilden. Anerkennungen erhielten Jasmina Schröder, Goldschmiede- und Uhrmacherschule Pforzheim, Stephanie Fleck, Hochschule für Kunst und Design, Burg Giebichenstein, Halle, sowie Sung-Ho Cho, Akademie der bildenden Künste, München. Die Arbeiten der Preisträger und weitere Wettbewerbsbeiträge sind bis zum Ende Juli 2009 im Schuckmuseum Pforzheim zu sehen, im Februar 2010 auf der Fachmesse Inhorgenta am Ausstellungsstand der Firma C. Hafner.

Jasmina Schröder, Goldschmiede- und Uhrmacherschule Pforzheim, erhielt für diesen graphisch-plastischen Schmuck eine Anerkennung.

Ein gefährliches Schmuckspiel betreibt Sung-Ho Cho, Akademie der bildenden Künste, München. Der Jury war es eine Anerkennung wert.

Ethnische Anklänge bei den Stücken von Stephanie Fleck, auch dafür gab es eine Anerkennung beim RRH-Wettbewerb 2009.
Die Galeristin und Kunstkennerin Dr. Ellen Maurer Zilioli hielt anlässlich der Preisverleihung eine Grundsatzrede, die vor allem jungen SchmuckgestalterInnen gewidmet war. Titel: „Traum und Wirklichkeit – Wege junger Schmuckkunst.“ Die Rede beinhaltet nicht wenig Kritik an der gegenwärtigen Generation, bietet aber auch eine interessante Ausgangsbasis für die längst überfällige Diskussion um die Zukunft der Schmuckkultur. Der komplette Text steht Ihnen als pdf-download zur Verfügung. Bitte schreiben Sie uns dazu Ihre Meinung. Wir veröffentlichen gerne kompetente Kommentare. Reinhold Ludwig



