Joe Colombo / Online Magazine

Joe Colombo

July 23, 2009 Leipzig

Joe Colombo im Sessel Elda, ca. 1967. Ignazia Favata/Studio Joe Colombo, Mailand.

Die 1960er Jahre waren die Zeit revolutionärer Umbrüche und visionärer Utopien. Der 1931 in Mailand geborene Designer und Architekt Joe Colombo entwarf nicht nur spektakuläre Möbel und Objekte, sondern ganze Szenarien für das Leben in einer modernen Welt. Er sei einer der wenigen Designer des 20. Jahrhunderts gewesen, der das Prädikat „legendär“ verdiene, schreibt das Grassi-Museum, Leipzig. Noch bis 30. 8. 2009 ist dort, im Museum für Angewandte Kunst, die Ausstellung „Joe Colombo – Design und die Erfindung der Zukunft“ zu sehen.

Die kometenhafte Karriere des Mailänders begann Anfang der 1960er Jahre als Gestalter von Möbeln, Interieurs und Industrieprodukten. Kontinuierlich entfaltete sich sein Werk von den ersten Einzelobjekten hin zu immer modularer und komplexer angelegten Entwürfen. Im Mittelpunkt stand das Wohnen der Zukunft. In die Decke eingelassene Fernseher, schwenkbare Wände mit eingebauter Minibar oder verspiegelte Deckenverkleidungen – Colombos Entwürfe hätten als Kulisse für die James-Bond-Filme jener Jahre dienen können. Der Designer entwarf den futuristischen Sessel Elda, die Leuchte Alogena und den Stuhl Universale. 1971 starb Colombo im Alter von 41 Jahren. Die Ausstellung „Joe Colombo – Design und die Erfindung der Zukunft“ ist die erste internationale Retrospektive, mit der sein Werk gewürdigt wird.

Die Ausstellung wurde als Projekt des Vitra Design Museums und La Triennale di Milano in Zusammenarbeit mit dem Studio Joe Colombo, Mailand entwickelt. Präsentiert werden in Leipzig eine Fülle bislang noch nicht gezeigter Materialien zu Joe Colombos Schaffen. Darunter frühe Originalstücke, Prototypen und experimentelle Stücke. Auch viele Handskizzen, Pläne, Broschüren, Architekturmodelle, mehrere Filme und Originalfotos sind zu sehen.

Joe Colombo, Tube-Chair, 1969. Sammlung Vitra Design Museum. Foto: Vitra Design Museum/Andreas Sütterlin.

Joe Colombo, Trolley Boby, 1970. Ignazia Favata/Studio Joe Colombo, Mailand.

Joe Colombo, Stuhl Universale,1965–67. Ignazia Favata/Studio Joe Colombo, Mailand.

Immer strebte Colombo danach, grundlegende neue Parameter in das Wohnumfeld einzuführen. Es sollte der Dynamik des modernen Lebens angepasst werden und mit Flexibilität auf sich wandelnde Bedürfnisse reagieren. Die Menschen sollten zudem die jeweils neuesten technischen Möglichkeiten der audiovisuellen Medien für den Wohnbereich nutzen.
Mit dem Stapelstuhl Universale setzte Colombo erstmals ABS-Kunststoff für den Möbelbau ein. Sitzobjekte wie der Tube-Chair und der Multi-Chair zeigen, wie der Designer bei seiner Suche nach Modularität und Flexibilität von einem perfekten Formgefühl geleitet wurde. Sein eigenes Appartement von 1968 mit dem Cabriolet-Bed und der Multifunktionswand Rotoliving, das Interieur Visiona 1 sowie die komplett ausgestattete Wohnzelle Total Furnishing Unit füllten den Begriff des Gesamtkunstwerks mit neuem Leben: in ihnen verschmelzen die einzelnen Funktionen des Wohnens und Lebens zu maschinenartigen Wohnskulpturen.

Joe Colombo, experimentelles Interieurs Visiona I, Kölner Möbelmesse für Bayer, Leverkusen, 1969. Ignazia Favata/Studio Joe Colombo, Mailand

Joe Colombo, Glas Smoke, Entwurfszeichnung, 1964. Ignazia Favata/Studio Joe Colombo, Mailand.

Aus heutiger Sicht lässt sich sagen, dass manche der Visionen des Mailänders Realität wurden. Nicht im lack-glänzenden, kunststoff-verliebten Raumschiff-Enterprise-Look des Joe Colombo. Aber in der physischen und psychischen Eingebundenheit in die technisierte, computerisierte Welt. Längst geht es nicht mehr um Stilfragen, sondern um die Drogengefahr von virtuellen Welten, Medienkonsum und Second Life. Durchdachtes Design und Angewandte Kunst als humane Produktionsformen sollte den Machern wie den Konsumenten helfen, das rechte Maß zu finden.

Der Katalog zur Ausstellung „Joe Colombo – Die Erfindung der Zukunft“ ist die erste Publikation zum Gesamtwerk Joe Colombos.
Hrsg. Mateo Kries, Alexander von Vegesack (Weil am Rhein: Vitra Design Museum, 2005;) 304 Seiten, Preis: 59,90 Euro. GRASSI Museum für Angewandte Kunst, Johannisplatz 5-11, D-04103 Leipzig. Geöffnet: Di–So 10–18 Uhr, Mo geschlossen. www.grassimuseum.de

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