Haushaltsangelegenheiten / Online Magazin

Haushaltsangelegenheiten

10. September 2010 Hamburg

“domestic affairs” bzw. “Haushaltsangelegenheiten” bewegen schon immer die politischen und kreativen Gemüter. Genauso wie im wahren Leben kann ein neuer Blick auf die Dinge – und der Mut zur Tat – segensreiche Innovationen hervorbringen. Überraschende Metamorphosen des Alltäglichen wecken nicht nur nostalgische Erinnerungen. Sie erzählen eine Geschichte, machen sich schön und nützlich, und manchem geht dabei ein Licht auf. Die Ausstellung “domestic affairs” ist vom 15. September bis 07. November 2010 bei craft2eu zu sehen.

Die erfindungsreiche Becca Wilson aus Edinburgh gehört zu den Newcomern in der englischen Keramik-Szene, die derzeit für gute Unterhaltung sorgen. Neben ihren schrägen “Conversation pieces” hat sie gemeinsam mit Julia Douglas und Clare Waddle die Lampenserie “A Wee Bit of Light Relief” (oben) geschaffen. Dafür werden banale Küchenutensilien aller Art aus feinem “China Bone” Porzellan abgeformt. Als fragil-transparente Objekte spielen sie im Licht üppig dekorierter Chandeliers die dramatische Hauptrolle – und klimpern und klingen leise bei jedem Windhauch, auch wenn die Sonne scheint.

Gilles Eichenbaum, humorvoller “créateur” aus Paris, bedient sich all dessen, was Mensch aus Aluminium an unvergesslichem Alltagsgut geschaffen hat. Handwerklich sehr fein gemacht, assoziieren seine Montagen unsere – und anderer – Alltagskultur mit ebenso viel Scharfsinn wie klarem Formgefühl. Hin und wieder eingesetzte Durchbruchdekore sind nicht nur eine Reminiszenz an seine marokkanischen Kindheit, sondern tupfen auch poetische Lichtsterne an die Zimmerdecke.

Die junge Niederländerin Laura de Monchy wuchs mit “Droog” auf und wird nicht müde, diesem Einfluss phantasievoll nachzuspüren. Nichts scheint vor ihr sicher zu sein. Die kostbar barock anmutenden Kerzenhalter werden erst auf den zweiten Blick als gestapeltes Allerweltsglas, vom Congnac-Schwenker bis zur Champagnerschale, entlarvt. Und manch einer zuckt mit rettender Geste bevor er merkt, dass alles gut fixiert ist. Was für ein Gesprächsstoff auf der Mitte der Tafel! Ihre anderen Objekte, wie zum Beispiel Stehampen aus Kanistern, Austern als Salzfass und Flaschenböden als Schmuckstücke, sind auf ihre Weise ebenso faszinierend.

Die englische Glaskünstlerin Samantha Sweet widmet ihre Hommage einem Klassiker der Alltagsformen: der Milchflasche. Sie gehört inzwischen fast der Vergangenheit an. Sam Sweets Metamorphose ist aus schwerem Kristallglas. Präzise hinein geschnittene Motive machen aus der nostalgischen Form eine kostbare, zeitlose Karaffe, Vase, … Ein Objekt dessen Wert durch den Faktor “Erinnerung” ebenso geprägt wird wie durch die formal überzeugende und perfekte handwerkliche Gestaltung.

Auch Christina Hellevik, vielen bekannt durch ihre Arbeit am Glasstudio des dänischen Glasmuseums Ebeltoft, spielt mit dem Moment der Erinnerung und Nostalgie. Den “Vintage-Look” von Zuckerdosendeckeln, die sie erst in Grossmutter’s Schrank, dann auch auf Flohmärkten entdeckte, pariert sie mit, an Ästhetik kaum zu überbietenden Glasformen. Makellose Rundungen sitzen in satter Farbigkeit satinierten Glases unter nostalgischen Porzellanhauben, die den Hausfrauengeschmack des vergangen Jahrhunderts zitieren. Diese “Grandma´s” sind Objekt gewordene Zeitsprünge, deren symbiotisches Zusammenwirken der Kontraste aufregend ist.

Der Silberschmied Stefan Strube aus Hannover findet einen ähnlichen Ansatzpunkt für seine Trinkgefässe. Traditionelle Silberschmiedekunst verbindet er mit modernen Techniken, Themen und Materialien und wirft dabei gleichzeitig unterschiedliche Wertbegriffe über den Haufen. Konventionelle Plastikbecher, sonst allererster “Trash” verleihen Beton ihre Formen, die wiederum durch eingelassene Silberbecher aufgewertet werden. Der Kontrast liegt nicht nur in den Formen sondern auch in den Materialien, dem archaischen Beton in Gemeinschaft mit dem warmen, weissen Glanz des Silbers, die Assoziation des Wegwerfproduktes im kostbaren Material.

Ned Cantrell, englischer Glaskünstler in Dänemark, verknüpft die Ansätze der voraus Beschriebenen in seinem einen und einzigen Material Glas. Wieder steht der allgegenwärtige, massenhafte Plastikbecher Modell um mit beredter Kenntnis historischer Formen und Tradition in perfekt beherrschter Handwerkskunst am Glasofen zu einem kulturellen Zwitter zu mutieren – so wie ihn unserer Gegenwartskultur so sehr zu lieben scheint. Die Prächtigkeit und subtile Schönheit dieser Gläser verblendet den Betrachter und verzögert das Erkennen so sehr, dass es fast ein Erschrecken ist.

Ein Nebenprodukt ihres grossen “Alice in Wonderland” Projektes, das Marie Retpen in den vergangenen Monaten als Stipendiatin des Corning Museum of Glass (USA) realisierte, sind “Still Life Meltdown Silver” – Gruppen dahin schmelzender, schwungvoll bewegter Silberflaschen. Ihre Erscheinung fasziniert nicht nur durch die Erstarrung eines dynamischen Prozesses. Auch das belebte Spiel mit der Spiegelung, Auflösung der Form im mehrfachen Sinn, gewinnt der vertrauten Flaschenform ganz neue Aspekte ab.

Die Kölnerin Pia Pasalk offenbart mit ihrem Label “Content & Container” eine begeisternde Offenheit gegenüber klar definierten Nutzungskonzepten. Sie sind eindeutig nur dazu da überwunden zu werden! Zum Beispiel transferiert die Tasche “Dockerhandbag” den Jutesack – zentrales Element historischer Hafenlogistik – genauso schwungvoll in das 3. Jahrtausend wie die die Stadt Hamburg ihre historische Hafencity aktuell in eine hypermoderne Metropolis verwandelt. Hier wäre das “Dockerhandbag” perfektes Accessoire, mit dem Kaffeekannengriff als Referenz an die Kaffeeimporteure, unter’m Sack der verborgene Schick einer Ledertasche. Bewusster Umgang mit Kulturgeschichte, gepaart mit handwerklicher und gestalterischer Perfektion ist auf den Punkt gebrachter Zeitgeist.

In ihrer aktuellen Schmuckkollektion “Barcelonetta” zitiert Leslie Maja Pötz die oft märchenhaft anmutenden Fliesen- und Kachelmuster des wohl berühmtesten Viertels der katalanischen Metropole Barcelona. Auf geradezu magische Art und Weise transferiert sie die vielfältige Farben- und Formenwelt traditioneller katalanischer Muster in ihren Schmuck, indem sie diese in Porzellan arbeitet und deren Charme und Esprit somit einen gehobenen, sehr edlen Ausdruck verleiht.

Der englische Designer Jeremy May steckt hinter dem jungen Schmuck Label “Little Fly”. Er kreiert Schmuckstücke für modebewusste Leseratten und Bücherwürmer aus recycelten Antiquariat von Comic bis Weltliteratur. Das fertige Schmuckstück behält zumeist seine Wohnung im eben verlassenen Buchblock, der als Verpackung dient. Jedes Stück ist ein Unikat, eine Interpretation von Form und Inhalt eines Buches in Schmuckform. Die Formen sind massiv, elegant, von intellektuellem wie materiellem Wert. Als edle literarischen Schmuckzitate, die bereits bei Colette in Paris, Toi in Osaka/ Japan und in einer ersten Soloausstellung bei Eleni Marneri’s Creative Gallery in Athen begeisterten, feiern sie nun bei craft2eu Deutschlandpremiere..

Weitere Aussteller:
Porzellan: Claydies, Kopenhagen – Adam Frew, Belfast – Marie Langaa, Kopenhagen. Metall: Ewa Doerenkamp, Frankfurt – Anderl Kammermeier, Berlin – Schmuck: Marlene Beyer, Düsseldorf – Melanie Nuetzel, Weidenberg.

Schnuppe von Gwinner
craft2eu – Agentur und Ladengalerie für europäisches Kunsthandwerk und Design

Eppendorfer Weg 231
20251 Hamburg
Deutschland
fon/fax: +49(0)40 480 928 22/24
gwinner@craft2eu.net
www.craft2eu.de
Der craft2eu Blog: www.craft2eu.blog.de
NEU fine finds www.craft2eu.tumblr.com

Posted In Ausstellungen