Über das Schmucktragen

Renate Luckner-Bien mit dem Ohrschmuck „Stern und Kugel“ aus Gold und dem Collier „Mond“ aus Titan und Gold von Dorothea Prühl.
Schmuck ist – in unserer Gesellschaft vor allem für Frauen – ein ideales Medium, öffentlich eine ästhetische Position zu beziehen. Warum es zeitgenössischer Schmuck sein soll, erklärt Dr. Renate Luckner-Bien, Kunsthistorikerin und Publizistin. Ihr „Schmuckkunst-Plädoyer“ erschien in der Sonderaugabe „50 Jahre „Schmuckschau“, Ausgabe 1/2009, der GHM – Gesellschaft für Handwerksmessen mbH. Nachfolgend eine leicht gekürzte Fassung. Im Anschluss noch ein kurzer inhaltlicher Diskurs mit Dr. Luckner-Bien.
… also bin ich
Schmuck hat Hochkonjunktur. In allen Spielarten – ob als serielles Design- oder originäres Kunstobjekt – präsentiert sich die zeitgenössische Schmuckkunst lebendig und vielfältig wie kaum ein anderer gestalterischer Bereich. Im unaufhörlichen Bemühen, unserer Ego zu pflegen, finden wir in dieser, dem Grunde nach archaischsten aller Künste, die dafür geeigneten Objekte. Schmuck gibt unserer Selbstbehauptung Ausdruck.
Die Botschaft lautet: Schau her, hier bin ich! Unverwechselbar! Wer dem fiktionalen Wesen der Kunst misstraut, wer für sich und seine Ideen vom Sein in der Welt eine Verortung sucht, einen Bezugspunkt oder schlicht eine Funktion, dem rate ich: Probieren Sie es! Tragen Sie zeitgenössischen Schmuck! Ich rate dringend ab, es zum Beispiel bei den Salzburger Festspielen zu versuchen! Beginnen Sie am besten in München. Hier im Mekka der Schmuckkunst finden Sie – vorzugsweise im Frühjahr – für Ihr ambitioniertes Bedürfnis nach ästhetischer Selbstversicherung mit Sicherheit ein sachverständiges Publikum. Und: In der Danner-Rotunde der Pinakothek der Moderne bekommen Sie einen guten Einblick in die jüngere Geschichte internationaler Schmuckkunst, auf der Sonderschau „Schmuck“ sehen Sie die neusten Schöpfungen erstklassiger SchmuckkünstlerInnen aus aller Welt, noch vieles anderes mehr zum Thema gibt es zu entdecken.
Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass die Inszenierung des eigenen Ichs – mit zeitbedingt veränderlichen Formen und an wechselnden Schauplätzen – eine ebenso lustvolle wie anstrengende Lebensaufgabe sein kann. Beim Tragen von Schmuck demonstrieren wir nicht nur unsere persönliche Körperidentität, wir bedienen damit auch – bewusst oder nicht – die Muster sozialer Differenzierungen. Zeig’ mir Deinen Schmuck und ich sage Dir, wer Du bist!
Ich weiß, wovon ich spreche. Seit über dreißig Jahren trage ich – neben wechselndem Halsschmuck – den immer gleichen Ohrschmuck. Ich trage ihn täglich. Wie die Armbanduhr lege ich ihn an, wenn ich die Wohnung verlasse und lege ihn ab, wenn ich heimkehre. Vor Jahr und Tag hat mir irgendwer gesagt, dass er mir gut stünde. Ich glaube das bis heute. Ohne ihn fühle ich mich „unangezogen“. Meine bekennende Inbesitznahme hat fatale Folgen: Niemand anderes kann ihn tragen. Denn dieser Ohrschmuck existiert – jedenfalls aus meiner Perspektive – nur mehr als ein Teil von mir. Mir allein gehören „Stern und Kugel“ – unberührt von der Tatsache, dass es drei weitere Exemplare davon gibt. Ich liebe es, wenn ich beim Gehen das leise pfeifende Geräusch höre, das der Wind verursacht. Ich mag es, wenn mich wildfremde Menschen darauf ansprechen. Ich liebe die Überraschung der Leute, die vermuten, dass die Kugel doch sehr schwer sein müsse und feststellen, dass sie ganz leicht ist. Ich habe gelernt auf Fragen wie „Kann man das überhaupt tragen?“, „Ist das nicht schwer?“, „Tut das nicht weh?“ gelassen zu reagieren.
Zu dem Text, der einen guten Einstieg für eine weitergehende Diskussion “über das Schmucktragen” darstellt, zwei kurze Bemerkungen, auf die Renate Luckner-Bien wie folgt antwortete:
REINHOLD LUDWIG: Ich fände es toll, wenn es einige mutige Frauen gäbe, die in Salzburg – wo ja auch große Kunst in der Musik angesagt ist – modernen Schmuck tragen würden.
RENATE LUCKNER-BIEN: Die Frauen dort und anderen Orts, da wo sich Geldadel und die Schickeria treffen, tragen den Reichtum ihrer Männer und den von den Hochglanzmagazinen angepriesenen Goldschmuck zur Schau – das braucht keinen Mut, das braucht nur Geld und vor allem keine eigene Meinung! So ist es! Und es ist nicht zu ändern! Die Herren mögen ja vielleicht zeitgenössische Kunst sammeln – da glauben sie ihren Galeristen! Schmuck fällt für die nicht in die Kategorie Kunst – das ist bestenfalls eine Wertanlage.
REINHOLD LUDWIG: Schmuck erlebt nur auf der Seite der Macher “Hochkonjunktur”. Besonders künstlerischer Schmuck, den wir so schätzen, existiert doch nur im “Paralleluniversum” einer kleinen Schar von Insidern und wenigen Sammlern. Das serielle Schmuckdesign hat sich vor allem in Deutschland einen winzigen Marktanteil erobert. Weltweit dominiert konventioneller Juwelenschmuck oder Modeschmuck. Da gibt es für uns viel zu tun. Vor allem auch, um den KünstlerInnen und DesignerInnen Lebensperspektiven zu eröffnen.
RENATE LUCKNER-BIEN: Ja, ich weiß das! Ich wollte mit meiner „kühnen“ Behauptung nur auf mein Thema überleiten. Und: Meine Behauptung will ich vor allem im Vergleich zu anderen Formen Angewandter Kunst“ – Buchkunst oder Keramik (auch wenn sich beide nicht vergleichen lassen!) – verstanden wissen.
Zur Autorin: Dr. Renate Luckner-Bien ist Kunsthistorikerin und Publizistin. Sie leitet als Pressesprecherin die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit der Burg Giebichenstein, Hochschule für Kunst und Design Halle.
Wir danken der Autorin herzlich für ihre deutlichen Worte. Gerne veröffentlichen wir weitere Beiträge zum Thema “Schmucktragen”. Wir freuen uns über Ihre Zuschriften, denn dazu gibt es wirklich noch viel zu sagen.



