Von Neuseeland nach Australien

Brosche „ice industry 2009“ der Australierin Kirsten Haydon. Email, Kupfer, Photo transfer, Silber, Stahl, 70 × 130 × 15 mm.
Olga Zobel-Biró hat sich seit 1992 mit ihrer Galerie in der Zieblandstraße in München vor allem auf außergewöhnlichen Kunststoffschmuck konzentriert. Sie vertritt namhafte internationale Künstler wie Robert Baines, Peter Chang oder Daniel Kruger. Vor kurzem zeigte sie Schmuckgestalter aus Neuseeland. Die gegenwärtige Veranstaltung mit australischer Schmuckkunst trägt den Titel „Melbourne, zeitgenössischer Schmuck aus Australien“ mit Werken von Robert Baines, Nicholas Bastin, Simon Cottrell und Kirsten Hay. Ein Interview mit der Galeristin über die Situation des zeitgenössischen Künstlerschmucks.
Art Aurea: Wie und wann kamen Sie auf die Idee, sich auf „exklusiven Kunststoffschmuck“ zu spezialisieren?
Olga Zobel-Biró: Die Galerie wurde 1992 eröffnet. Die einfachste Antwort auf Ihre Frage: zeitgenössische Kunst darf zeitgenössische Materialien nicht ignorieren. Mich interessiert die künstlerische Transformation, obwohl ich ahnte, dass Kunststoff, bereits das Wort, viele Menschen möglicher Weise abschreckt. Als Otto Röhm 1927 das Acrylharz (Plexiglas) entdeckte, erkannte er den ästhetischen Aspekt des neuen Materials und gründete gleichzeitig ein bedeutendes Atelier für Künstler der ersten Avantgarde. Als sich in den 1960er Jahren die Schmuckkunst etablierte, arbeiteten die ersten Schmuckkünstler mit Kunststoffen, ich möchte nur Gijs Bakker, Claus Bury und Gerd Rothmann erwähnen. Dieser Schmuck erreichte aber nur einen kleinen Kreis von Freunden und ganz wenige Sammler. Mit meiner Galeriearbeit wollte ich das breitere Publikum erreichen, die Vielfalt und Eigenschaft des Materials und die Unerschöpflichkeit der Gestaltungsmöglichkeiten und poetischen Ausdrucksformen aufzeigen.
Art Aurea: Aber nicht alle Ihrer Künstler arbeiten mit Kunststoff. Während der Handwerksmesse 2009 hatten Sie in der Residenz eine Ausstellung mit Robert Baines, Gerd Rothmann und Karl Fritsch. Rothmann arbeitet vor allem in Gold. Fritsch verwendet sogar häufig Edelsteine und Diamanten. Könnte der Verzicht auf die traditionellen Materialien der Goldschmiedkunst nicht sogar eine Schwäche der Schmuckkunst-Bewegung darstellen?
Olga Zobel-Biró: Ich denke, in den 90er Jahren war meine anfängliche Arbeit wichtig. Viele Künstler habe ich auch ermutigt mit verschiedenen Materialien zu arbeiten. Auch durch diese Arbeit ist „exklusiver Kunststoffschmuck“ selbstverständlich geworden. Das Material ist aber nicht immer ausschlaggebend. Einige Künstler der Galerie arbeiten nicht immer mit Kunststoff, selbstverständlich werden diese Arbeiten auch in Ausstellungen gezeigt. Wenn Sie die Ausstellung in der Residenz erwähnen, möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, dass alle teilnehmenden Künstler auch hervorragende Kunststoffarbeiten haben. Inzwischen ist das Publikum aufgeklärt, das Material spielt eine immer weniger wichtige Rolle. Ich möchte ungern über eine Art Konservatismus in der heutigen Schmuckszene sprechen, fest steht, dass, wie in der Kunst allgemein, verschiedene Perioden sich abwechseln. Aber keineswegs ist es eine Schwäche.
Art Aurea: Wenn Sie die Zeit Anfang der 1990er Jahre, die Jahre ihrer Galeriegründung, mit der Situation von 2009 vergleichen, was hat sich verändert für modernen Schmuck?
Olga Zobel-Biró: Wir sind im 21. Jahrhundert angekommen. Neue Medien, wie z.B. das Arbeiten mit dem Computer werden auch von Schmuckkünstlern angewandt. Denken Sie an Svenja John, an Helen Britton, nur um einige zu nennen. Die Ornamentik, im Gegensatz zu Minimalismus, ist auffällig vorhanden. Die Szene ist vielseitig, freier und witziger als früher. Heute kämpfen die Künstler und Galeristen nicht mehr um Akzeptanz.
Art Aurea: Warum, glauben Sie, ist der künstlerische Schmuck nicht entscheidend über die Grenzen seiner zwar engagierten, aber doch kleinen Szene hinausgekommen? Moderne Kunst, moderne Architektur und modernes Design stehen doch hoch im Kurs.
Olga Zobel-Biró: Hier möchte ich Ihnen widersprechen oder mehr präzisieren. Moderne Architektur, Design sind Massenproduktionen, mit der Schmuckkunst absolut nicht zu vergleichen. Ob die beiden hoch im Kurs stehen, da bin ich mir gar nicht so sicher. Sowohl gute Architektur, als auch gutes Design sehe ich selten. Mit hoher Qualität sprechen sie jeweils nur eine kleine Gruppe an. Der gute Schmuck ist nicht für die Masse, der angesehene Kunsthistoriker Beat Wyss hat darüber sehr gut geschrieben. Die Frage könnte eher lauten: „Warum schreiben die Medien so wenig über uns?“
Art Aurea: Immerhin machen wir jetzt wieder einen Anfang! Aber wie war die Resonanz auf die Ausstellungen, die Sie im Krisenjahr 2009 organisiert haben? Wie steht es überhaupt mit den geschäftlichen Erfolgen von Ausstellungen mit Schmuckkunst?
Olga Zobel-Biró: Das krisengeschüttelten Jahr 2009 tut der Kunst gut. Die Sammler schauen mehr hin, was sie kaufen, Qualität steht ganz oben. Und inzwischen erkennt man die Qualität. Deshalb waren und sind gute Ausstellungen so wichtig.
Art Aurea: Was war das Besondere Ihrer Ausstellung mit neuseeländischen Schmuckkünstlern?

Shelly Norton, Neu-Seeland. Brosche, 2009, Plastiktüten, Nylonfaden, Silber.

Andrea Daly, Neuseeland: Brosche: Kunstleder, Perlen, Silber, Glas, 2009
Olga Zobel-Biró: Diese Ausstellung hat mich ganz besonders interessiert. Fran Allison, Andrea Daly, und Shelley Norton leben in Neu Seeland. Lisa Walker geboren in Neu Seeland, Absolventin der Akademie der bildenden Künste München, lebt in München. Sie bewegt heute enorm die Szene. Sie zeigt wieder Grenzen auf, wie weit der Schmuck gehen kann. Vor kurzem hatte sie eine Einzelausstellung im Neuen Museum Nürnberg. Sie ist international bei Hochschulen eine der gefragtesten jungen Künstlerinnen. Ich hoffe sehr, dass das Publikum sie auch schätzen wird. Sie hat selbst, wie der Kunsthistoriker Damian Skinner beschrieben hat, großen Einfluss auf die Kunst Neu Seeland’s ausgeübt. Überraschend habe ich erfahren, vielleicht zum ersten Mal, wie Identität und die Suche danach in der Kunst Neu Seeland’s eine Rolle spielt. Niemals zuvor wurde die Heimat der Künstler bei einer Ausstellung betont (obwohl man immer die kulturellen Wurzeln der Künstler erkennen kann). Mich motivierte die Frage: „Was ist Schmuck aus Neu Seeland?“
Art Aurea: Und was ist das Besondere in der Schmuckkunst Australien?
Olga Zobel-Biró: Australien ist ein großer Kontinent. Mir geht es bei dieser Ausstellung mehr um die Schmuckszene in Melbourne, wo am mehreren Hochschulen Schmuck integriert ist. Die bedeutendste ist die RMIT (Royal Melbourne Institute of Technology), die zu den zehn besten der Welt zählt. Hier lehrt Professor Dr. Robert Baines. In Melbourne leben mehr als 100 Nationalitäten zusammen. Diese kulturelle Vielfalt spiegelt sich in der Schmuckkunst wider. Eine “Schule”, etwa wie es sie in Padua oder in Halle gab, ist hier nicht zu erkennen. Die Positionen sind ganz unterschiedlich. Doch gibt es hier und da Spuren von Professor Baines.

Kirsten Haydon, Melbourne, Brosche „ice crevasse 2009“. Email, Kupfer, Photo transfer, reflektierende Perlen, Silber, Stahl, 70 × 130 × 15 mm.

Ringe von Nicolas Bastin, Melbourne, Kunststoff.

Simon Cottrell, Melbourn, Brosche „Village of gold teeth with tail“.
Australische Schmuckkünstler aus Melbourne. Ab 22.10.2009, Galerie Biró, Zieblandstr. 19, 80799 München, www.galerie-biro.de, Geöffnet: DI-FR 14-18 SA 11-14



